Festival „Klang der Klassik - Konzerte auf Originalinstrumenten der Goethezeit" 2010
2010 feiern wir den 200. Geburtstag Robert Schumanns. Im Liebhabertheater Schloss Kochberg, das zur Europastraße Historische Theater gehört, werden ihm zu Ehren Kompositionen von ihm und von seinem Freund Felix Mendelssohn-Bartholdy auf Originalinstrumenten des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts aufgeführt. Dabei sind zwei Hammerflügel aus der Sammlung Beetz in ihrer unterschiedlichen Klangqualität zu erleben.
Die „Freunde des Liebhabertheaters Schloss Kochberg e. V.", die das um 1800 erbaute historische Theater der Klassik Stiftung Weimar auf Schloss Kochberg mit ca. 40 Veranstaltungen im Jahr betreiben, hoben 2006 die Konzertreihe „Klang der Klassik - Konzerte auf Originalinstrumenten der Goethezeit" aus der Taufe. Unter diesem Titel werden seitdem im Liebhabertheater kammermusikalische Kleinode aus der Zeit der Klassik bis Romantik auf Originalinstrumenten aufgeführt, so dass die Kompositionen in ihrem authentischen Klang am authentischen Ort erlebbar gemacht werden. Die historische Aufführungspraxis für Werke der Kammermusik wird in den letzten Jahren immer beliebter. Der Klang der Instrumente und des Zusammenspiels unterscheidet sich deutlich von dem heutiger Instrumente. Die Freunde des Liebhabertheaters Schloss Kochberg e. V. haben eine intensive Zusammenarbeit mit dem Leiter des Kammermusikzentrums der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar Professor Ulrich Beetz (Violine), seiner Frau Birgit Erichson (Violoncello) und der Leiterin des Festivals MelosLogos der Klassik Stiftung Weimar Liese Klahn (Hammerflügel) etabliert. Die große Resonanz der Konzerte bestärkt die Beteiligten darin, ihren Kurs „Originalklang am authentischen Ort" fortzusetzen. Für die Zukunft sind auf Schloss Kochberg auch Meisterkurse in historischer Aufführungspraxis geplant.
Die deutsche Romantik ist eine faszinierende musikalische Epoche, in der Robert Schumann und Felix Mendelssohn-Bartholdy heraus ragen. Die deutsche Musikgeschichte nach Beethovens Tod wurde maßgeblich durch die beiden einerseits künstlerisch nah verwandten und andererseits so verschiedenen Komponisten und Persönlichkeiten geprägt, mit denen eine neue Epoche mit bemerkenswerten Veränderungen in den instrumentalen und vokalen Gattungen der Musik beginnt.
1849 schrieb der Kritiker Louis Ehlert in der Preußischen Staats-, Kriegs- und Friedenszeitung über den musikalischen Poeten Robert Schumann, der bis dahin von vielen Zeitgenossen eher verkannt wurde: »War Beethoven die Kunsthöhe der klassischen Zeit, so ist Robert Schumann die Inkarnation unseres modernen Zeitbewusstseins geworden. Seine Melodie ist so fein und geistreich innig, die harmonische Begleitung so romantisch voll, kurz die ganze Anlage hat etwas so spezifisch Originelles." Der Wunsch nach einer Verschränkung der Künste und die Erfindung einer »poetischen Musik«, hatte Schumanns kompositorische Ästhetik von Anbeginn gekennzeichnet. Er experimentierte, er versammelte »Gestalten und redende Charaktere« in seinen Kompositionen, er brachte Seelenzustände, Empfindungen und Unbewusstes musikalisch zum Ausdruck, die sich der Sprache entziehen.
In ihrer gemeinsamen Leipziger Zeit in den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts, u. a. als Professoren an der von Felix Mendelssohn Bartholdy neu gegründeten ersten deutschen Musikhochschule, dem Konservatorium, verband Robert Schumann und seine Frau Clara eine enge Freundschaft mit Felix Mendelssohn und seiner Frau Cécile. Robert Schumann verehrte Mendelssohn und schwelgte in einer Rezension über seinen Freund:„Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt." Roberts Frau, die große Pianistin Clara Schumann, spielte mit Vorliebe die Klavierwerke von Felix Mendelssohn. Wie er war sie - sehr zum Ärger und Unwillen Ihres Mannes - häufig auf Tourneen. Mehr als einmal lief sie nach einem Krach im Hause Schumann zu den Mendelssohns und Felix musste den Ehestreit schlichten.
Der Gewandhauskapellmeister Mendelssohn galt nicht nur bereits in jungen Jahren als berühmter Komponist und Dirigent, sondern trat auch häufig als Solist auf. Mendelssohn setzte mit seiner Programmgestaltung neue Maßstäbe. Er begeisterte mit seinen „Historischen Konzerten" das Publikum für die Komponisten des vorherigen Jahrhunderts und leitete eine große Bach-Renaissance ein. In Deutschland entwickelte sich u. a. durch seinen Einfluss in dieser Zeit ein reichhaltiges bürgerliches Musikleben.
Zu den Kompositionen
Die Dichter der deutschen Romantik haben die Entfaltung der Musik im 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Einen Höhepunkt des romantischen Kunstliedes bildet Robert Schumanns bekanntester, auf Gedichten aus Heinrich Heines „Lyrischem Intermezzo" fußender Liederzyklus „Dichterliebe" (op 48). Er schrieb ihn 1840 im Jahr seiner Hochzeit mit Clara Wieck. Selten ist die Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen - Glück und Erfüllung auf der einen Seite, Sehnsucht und Verzweiflung auf der anderen Seite - musikalisch so vollkommen dargestellt worden wie in Schumanns „Dichterliebe". Wie bereits bei den Aufführungen von Schuberts „Winterreise" im Liebhabertheater in den Jahren 2007 und 2008 spielt Birgit Erichson die Singstimme auf dem Violoncello. Ein Schauspieler spricht die Texte von Heinrich Heine. Text und Musik sind so auf völlig neue Weise zu erleben.
1849 - in der ziemlich turbulenten Revolutionszeit - lebten die Schumanns in Dresden. Ihr sechstes Kind wurde geboren. Vier Jahre zuvor hatte Schumann einen schweren Zusammenbruch erlitten, von dem er sich nie mehr ganz erholte. Seine Kammermusik aus dieser Zeit (Romanzen op. 94) wirkt wie ein Rückzug in eine heile Welt.
Mendelssohn komponierte die f-moll-Sonate 1825 mit 16 Jahren. Bereits mit 11 Jahren hatte er die mitreißende F-Dur-Sonate mit ihrem tiefgehenden Andante und dem spritzig-virtuosen Presto- Schlusssatz geschrieben, die in ihrer musikalischen Sprache noch ganz Beethoven verpflichtet ist - genauso wie sein erstes Klavierquartett, welches er Goethe damals in Weimar vorspielte und womit er ihn begeisterte.
Die d-moll Sonate op.121 (1851) hat Robert Schumann für den Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters komponiert und sie deshalb entsprechend ausladender und konzertanter als seine erste, intime Sonate angelegt. Franz List hat sie mit Remenyi gespielt und hoch gelobt. Dem pathetischen ersten Satz folgt ein scharf rhythmisiertes, temperamentvolles Scherzo. Dem schließt sich ein Variationssatz mit einem schlichten Liedthema an und das konzertante schwungvoll virtuose vorwärtsdrängende Finale beendet diese eindrucksvolle große Sonate.
Für die frühe f-moll-Sonate von Mendelssohn, die „Dichterliebe" und die Romanzen von Robert Schumann wurde der um 1830 gebaute Hammerflügel aus der Wiener Werkstatt des Klavierbauers Johann Fritz ausgewählt. Die später komponierte Sonate d-moll von Robert Schumann wird auf dem 1844 gebauten Flügel aus der Londoner Werkstatt von Sébastien Érard gespielt.
Künstlerbiografien
Für das kleine, aber feine Festival „Klang der Klassik" 2010 mit zwei Konzerten haben sich Birgit Erichson (Violoncello), Professor Ulrich Beetz (Violine) und Liese Klahn (Hammerflügel) mit dem Staatsschauspieler Stefan Viering zusammengefunden.
Birgit Erichson - Violoncello
begann nach ihrem Abitur ihr Cellostudium an der Musikhochschule Köln. Durch ein DAAD -Stipendium konnte sie an die Indiana University Bloomington, U.S.A., zu Professor Janos Starker wechseln. 1976 machte sie ihr Konzertexamen an der Musikhochschule Hannover bei Professor Klaus Storck.
Seit 1976 ist sie Mitglied des international bekannten Abegg Trios, mit dem sie weltweit konzertiert, Fernsehauftritte bestritt und 3 LP's und 30 CD's produzierte. An der Franz Liszt Hochschule Weimar unterrichtet sie als Dozentin für Kammermusik. Jahrelang spielte sie im Collegium Aurem. Ihr Solo und Kammermusikspiel wurde mit vielen Preisen und Auszeichnungen bedacht : ( Solo: 1. Preis der Gedok Berlin 1978 ,- mit dem Abegg Trio : Colmar 1977, Genf 1977, Bonn 1979, Goldmedaille Bordeaux 1981, Bernhard Sprengel-Preis für Musik Hannover 1986, Robert Schumann Preis der Stadt Zwickau 1992, 5 mal Preis der Deutschen Schallplattenkritik, 1. Preis Spring-Festival Pjönyang 2004). Für das MDR-Fernsehen spielte sie mit den Weimarer Solisten das Brahms Klarinettentrio ein. Dem Kochberger Publikum ist sie mit dem Weimarer Duo wohl bekannt. In allen deutschen Sendern ist sie zahlreich im Duo oder Trio zu hören. Sie spielt ein Cello von Andrea Castagneri (ca. 1747).
Professor Ulrich Beetz - Violine
Konzertexamen an der Hochschule für Musik und Theater Hannover
1976 - 1996 Konzertmeister im Sinfonieorchester des SWR Baden-Baden-Freiburg
1970 - 1985 Mitglied des:
• Collegium Aureum (Internationale Tourneen und Schallplattenaufnahmen)
• Quartett Collegium Aureum (Schallplattenproduktionen)
• Collegium Musicum des WDR (Rundfunkproduktionen)
• Beetz-Quartett (Rundfunkproduktionen).
Seit 1976 Violinist des ABEGG TRIOS:
Rege Konzerttätigkeit in ganz Europa, Asien, Nord- und Südamerika, Korea,
Kanada und Australien sowie Meisterkurse und Fernsehauftritte.
Zahlreiche CD-, Rundfunk- und Fernseh-Produktionen.
Seit 1995 ordentlicher Professor für Kammermusik an der Hochschule für Musik
FRANZ LISZT Weimar. Professor Ulrich Beetz war Violinist der Weimarer Solisten
und ist als Juror bei Internationalen Wettbewerben in Deutschland, Polen, Österreich
und Finnland eingeladen.
Seit 1996 ist er Vorsitzender des Internationalen Kammermusikwettbewerbes
Joseph Joachim Weimar.
Liese Klahn - Hammerflügel
Die Pianistin erhielt ihre solistische Ausbildung bei Eliza Hansen und Karl-Heinz Kämmerling, Kammermusikstudium am Mozarteum Salzburg; Beethoven-Meisterkurs bei Wilhelm Kempff in Positano, Cembalo-Kurse bei Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt. 1988 Gründung des „ensemble incanto": Konzerte bei internationalen Festivals, Tourneen in die USA, nach Südamerika, in den Nahen Osten, umfangreiche Diskographie.
Künstlerische Produktionen mit der Tänzerin Jo Ann Endicott, dem Maler Helge Leiberg, Peter Härtling, Barbara Sukowa und Bruno Ganz. Kammermusikpartnerin von Sabine Meyer, dem Wiener Streichsextett; Liederabende u.a. mit Thomas Quasthoff, Juliane Banse, Christiane Iven und Anja Silja. 1994 - 2000 Gründung und künstlerische Leitung des Kammermusikfestivals „auf-brüche" in Dresden. Seit der Gründung 2002 künstlerische Leitung von „MelosLogos - Poetische Liedertage in Weimar", dem Festival der Klassik Stiftung Weimar. Lehrauftrag der Musikhochschule Franz Liszt Weimar für Kammermusik am Musikgymnasium Schloss Belvedere.
Ihr besonderes Interesse gilt auch den historischen Tasteninstrumenten: Liederabende, Kammermusik und CD-Produktionen mit ihrem originalen Wiener Hammerflügel von Jacob Bertsche.
Staatsschauspieler Stefan Viering
Geboren 1946, aufgewachsen in Westfalen und im Rheinland. Nach seiner Schauspielausbildung führte ihn sein erstes Engagement nach Bonn, es folgten Engagements in Kassel, an der Freien Volksbühne in Berlin, am Theater am Turm und an den Städtischen Bühnen in Frankfurt. Von 1980 bis 1995 war er freiberuflich als Schauspieler und Regisseur u.a. in Tübingen, Braunschweig, Köln und Zürich tätig. In dieser Zeit entwickelte er außerdem als Kabarettist eigene Programme und war als Drehbuchautor, Moderator und Regisseur für Funk und Fernsehen tätig. Lange Zeit arbeitete er an den freien Theatern Lindenhof in Melchingen und Vaudeville in Zürich mit. Von 1995 bis 1998 war er als Oberspielleiter am Landestheater Tübingen tätig, anschließend überwiegend wieder ausschließlich als Schauspieler. Heute ist er am Badischen Staatstheater Karlsruhe engagiert.
Historische Hammerflügel aus der Sammlung Beetz
Für die Konzerte des Festivals „Klang der Klassik" 2010 im Liebhabertheater Schloss Kochberg ziehen zwei Hammerflügel aus der Sammlung Beetz aus dem Weimarer Stadtschloss, wo sie normalerweise stehen und gespielt werden, in das Liebhabertheater Schloss Kochberg um. Im Besitz von Ulrich Beetz, Professor für Kammermusik an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, und seiner Frau, der Cellistin Birgit Erichson - beide Mitglieder des vielfach ausgezeichneten und seit mehr als 30 Jahren weltweit konzertierenden ABEGG-Trios - befindet sich eine einzigartige Sammlung historischer Hammerflügel. Alle sieben Flügel wurden vom Wiener Klavieratelier Gert Hecher sorgfältig restauriert. Sie geben den Kompositionen das Klangbild ihrer Entstehungszeit und können bei den Konzerten in ihrer klanglichen Vielfalt erlebt werden.
Für die frühen Stücke von Mendelssohn wurde der um 1830 gebaute Hammerflügel aus der Wiener Werkstatt des Klavierbauers Johann Fritz ausgewählt. Die später komponierten Werke von Robert Schumann werden auf dem 1844 gebauten Flügel aus der Londoner Werkstatt von Sébastien Érard gespielt.
Johann Fritz, Wien um 1830
Johann Fritz gehörte seit ca. 1805 zu den führenden Wiener Klavierbauern. Er gilt als mutmaßlicher Schüler Anton Walters. Das vorliegende Instrument stammt aus der letzten Phase von Fritz` Wirken, der die Firma in den 1830er Jahren seinem Sohn übergab. Der Flügel betört durch seinen brillanten, klaren Ton und das fast psychedelisch anmutende, äußerst seltene und wertvolle Furnier (geriegelte ungarische Blumenesche). Die Besaitung ist noch zu etwa 70 Prozent im originalen Zustand, ebenso stammen die Hammerkopfleder aus der Entstehungszeit des Flügels. Die Klanglichkeit des Instruments ist besonders in der Musik Franz Schuberts, den frühen Werken Felix Mendelssohn Bartholdys sowie Robert Schumanns hörbar. Auch Frédéric Chopin fand bei seinem Wiener Aufenthalt in den Jahren 1829 bis 1831 die differenzierte Klangcharakteristik der Flügel dieser Jahre vor. Franz Liszt hatte sie schon während seiner Jugend und Ausbildung in Wien in den Jahren 1822/23 kennen gelernt.
241 cm, furniert in geriegelter ungarischer Blumenesche, Tonumfang C-g4, Wiener Mechanik, vier Pedale Verschiebung, Pianissimo, Piano, Dämpfung)
Sébastien Érard, London 1844
Der geniale Instrumentenbauer Sébastien Érard, Erfinder der Doppelrepetitionsmechanik, der eigentlich in Paris arbeitete, floh vor der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts nach London. Dort baute er vorwiegend Harfen und erfand die Pedalharfe, die das Spiel in allen Tonarten ermöglicht. Nach seiner Rückkehr nach Paris blieb die Londoner Manufaktur bestehen. Sie
produzierte nun auch Klaviere, die dem englischen Geschmack nur leicht angepasst wurden, in der Konstruktion jedoch den Pariser Modellen entsprachen. Klanglich sind diese englischen Érard-Flügel jedoch weicher und romantischer als seine Pariser Modelle.
Op.1459, 240 cm, palisanderfurniert, Tonumfang C-a4, Erard'sche, Doppelrepetitionsmechanik, zwei Pedale (Verschiebung, Dämpfung), geradsaitig