„Neues Freiheitssystem oder die Verschwörung gegen die Liebe" Theaterstück aus der Feder der Frau von Stein
Sehr verehrte Damen und Herren,
einer der Programmschwerpunkte dieser Saison in unserem entzückenden historischen Theater ist dem Liebhabertheater und der Salonkultur um 1800 gewidmet. Im Mai zeigten wir den „Fernseher" des 19. Jahrhunderts: das Papiertheater. Der Opernregisseur Nils Niemann und sein Bruder Carsten präsentierten ihre Papiertheatersamlung in einer Ausstellung und führten ein Biedermeierstück mit „Papp-Kameraden" auf. Ein weiteres Salonstück war in der letzten Woche zu erleben: Richard Wagners Bearbeitung der Donizetti-Oper „La Favorite" für zwei Violinen und einen Sprecher.
Heute entführen wir Sie in die Welt des Liebhabertheaters um 1800. Sie sehen ein Lustspiel der einstigen Schlossherrin, Goethes Freundin Charlotte von Stein. Vor der Aufführung heute möchten wir Sie einführen in die Kultur und Zeit des Liebhabertheaters im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, besonders natürlich in Weimar.
Das Theaterspielen war zu dieser Zeit in allen europäischen Ländern eine beliebte Beschäftigung der gebildeten Schichten. Das Liebhabertheater belebte die Geselligkeit an den Höfen, auf den Landsitzen des Adels - oft in den Orangerien, und in den Salons der Bürgerhäuser. Jane Austen schildert das aus England u. a. in Ihrem Roman „Mansfield Park" ausführlich.
Seit Jahrhunderten gab es Laienspiel und Puppentheater. Das Spektrum reicht von kirchlichen Fest- und Weihe-Spielen (u.a. bei Victor Hugos „Glöckner von Notre Dame" beschrieben)bis zu volkstümlichen mundartlichen Jahrmarkts- und Maskenspielen. Bis heute beeinflusst die in der italienischen Frührenaissance entstandene Commedia dell´ Arte das Theater. Wer kennt nicht den Arlecchino oder den alten Pantalone? Um 1550 entstand in Oberitalien die Commedia dell`Arte, eine Stegreifkomödie, ein Improvisationstheater. Sie verbindet Elemente ländlicher italienischer Farcen mit denen des volkstümlichen Mundartspiels, der antiken Komödie und der literarischen Komödie der Renaissance. Eine der üblichen Formen häuslichen Theaters im Venedig des 18. Jahrhunderts war das Marionetten- und Handpuppentheater. So besaß der große italienische Komödiendichter Carlo Goldoni (geb. 1707 in Venedig, gest. 1793 in Paris) als Kind ein großes Marionettentheater, dessen Figuren denen der Commedia dell ´Arte entsprachen.
Wenden wir uns nach Weimar in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nachdem das Weimarer Residenzschloss 1774 niedergebrannt war, gab es auch kein Hoftheater mehr. Die bis dahin engagierte Seyler`sche Truppe unter der Leitung des berühmten Schauspielers Konrad Ekhof musste Weimar verlassen und wurde vom Gothaer Hof übernommen.
Ein Jahr später kam der junge Goethe auf Einladung des 18-jährigen Herzogs Carl August, der eben die Regierung übernommen hatte, an den gebildeten Weimarer Hof. Er verliebte sich unsterblich in die mit dem Oberstallmeister Josias von Stein verheiratete sehr gebildete und liebreizende Hofdame Charlotte von Stein. 10 Jahre dauerte seine innige Beziehung zu der 7 Jahre älteren Frau und Mutter dreier Söhne - bis zu Goethes italienischer Reise.
Goethe fand am Weimarer Hof eine sich in vielen Künsten übende Gesellschaft vor, deren Mittelpunkt er rasch wurde. Man spielte nun selbst Theater. Der Musenhof wurde geboren. Es bildete sich ein Liebhaber-Kreis adliger und bürgerlicher Laien. Dazu gehörten Mitglieder des Hofes, Hofdamen und Sänger, aber auch Beamte und Minister. Bald kam die begabte Hof- und Kammer-Sängerin Corona Schröter dazu. Das Liebhabertheater suchte sich verschiedene Spielstätten, z. B. im Redoutenhaus, auf den Sommersitzen und in den Parks von Ettersburg und Tiefurt. Bekannt ist z. B. die Aufführung von Goethes Singspiel „Erwin und Elmire", zu dem die Herzoginmutter Anna Amalia, die selbst 4 Instrumente beherrschte, eigenhändig die Musik komponierte. Am 24. Mai 1776 war im Ettersburger Park die Premiere. Am 9. Januar 1777 wurden „Die Mitschuldigen" aufgeführt. „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" feierte am 20. Oktober 1778 in Ettersburg Premiere. Die erste Prosafassung der „Iphigenie" vollendete Goethe im Februar und März 1779 und schon am 6. April wurde das Werk erstmals im herzoglichen Liebhabertheater im Redoutensaal und später im Ettersburger Park in Weimar aufgeführt. Goethe selbst spielte den Orest, Corona Schröter, die Iphigenie und Prinz Constantin den Pylades, der später vom Herzog übernommen wurde. Im Tiefurter Park wurde am 22. Juli 1782 das Singspiel „Die Fischerin" aufgeführt.
1783 endete die große Zeit des Weimarer Liebhabertheaters, wurde aber z. B. zu den Geburtstagen der herzoglichen Familie wiederbelebt. 1786 -1788 war Goethe fort in Italien. Herzog Carl August gründete 1791 das Hoftheater, dessen Leitung er Goethe übertrug. Das Komödienhaus am heutigen Theaterplatz wurde zum Hoftheater. Von nun an übernahmen professionelle Sänger und Schauspieler die Bühne.
In dieser Welt des Weimarer Musenhofes war Carl von Stein (1765-1837), Charlotte von Steins ältester Sohn groß geworden. Als er 1794 das Rittergut und Schloss Kochberg übernahm, schuf er sich nach Weimarer Vorbild hier auf dem Landsitz seinen eigenen kleinen Musenhof. Aus einem barocken Gartenhaus entstand nach seinen Plänen durch Umbau und Erweiterung das kleine Theater. Von nun an pflegte Carl von Stein hier auf dem Landgut das „Liebhabertheater". Er führte unter Mitwirkung von Familienangehörigen, Freunden und der Dienerschaft kleine, z. T. selbst geschriebene Stücke auf, die er auch selbst inszenierte. Ergänzt wurde das Bühnengeschehen durch die damals üblichen „Tableaux Vivants" - vorzugsweise nach Schiller-Balladen, Festgedichte, kleine Konzerte und Tänze. Bei der Vorbereitung war die ganze Familie mit den Proben, dem Kulissenmalen und der Anfertigung von Kostümen beschäftigt.
Immer wieder war der Geburtstag seiner bezaubernden Frau Amélie der Anlass für festliche Theatertage. Ganz unprofessionell ging es dabei nicht zu, denn zum Freundeskreis gehörten u. a. der fürstlich-schwarzburgische Hofsänger Albert Methfessel und der Maler Heinrich Cotta.
Am 8. Januar 1820 sollte zu Ehren von Amélies Geburtstag Carl von Steins Stück „Don Ranudo" aufgeführt werden. Carl fuhr eigenhändig die 30 km nach Weimar mit dem Pferdeschlitten durch die tief verschneite Landschaft, um Schminke, einen großen grünen Fächer und eine falsche Nase zu besorgen. Später „desertierte" einer der Hauptdarsteller und musste erst wieder zurückgeholt und umgestimmt werden. Der Aufführung am 8. Januar 1820 wohnte auch die inzwischen 78-jährige Charlotte von Stein bei, die ganz entzückt von dem Bühnengeschehen war.
Übrigens gehörten auch Scharaden zu den Festen von damals. Jane Austen schildert das z. B. in ihrem Roman „Emma". Scharade verteilen und raten lassen.
Mein erstes ist nicht wenig,
Mein zweites ist nicht schwer,
Mein Drittes lässt dich hoffen,
Doch besser nicht zu sehr.
Auflösung: vielleicht
(Schleiermacher)
Gelegentlich griff auch Charlotte von Stein zur Feder, um neben ihrer umfangreichen Korrespondenz eigene kleine Theaterstücke zu Papier zu bringen. U. a. zeugt davon ihr von Schiller gelobtes Trauerspiel „Dido". Nach Goethes Rückkehr von der 1 1/2 -jährigen Italienreise und dem erfolgten Bruch der engen Beziehung zwischen ihm und Charlotte von Stein, verarbeitete sie ihren Kummer in diesem Theaterstück.
1798 folgte ein Lustspiel. Charlotte von Stein schreibt dazu am 28. Juni 1798 an ihren Sohn Fritz: „Ich schreibe eine Komödie, denn je älter man wird, je lustiger muss man sich das Leben lassen vorkommen." Die Komödie hat den Titel „Neues Freiheitssystem oder die Verschwörung gegen die Liebe". Natürlich ist das keine große Weltliteratur, aber es ist unterhaltend und zeugt von der Kultur der Liebhabertheater um 1800.
Das Stück wurde erst viel später, am 21. März 1874 am fürstlichen Hoftheater in Rudolstadt uraufgeführt. Charlotte von Steins Urenkel Felix hatte das Stück dramaturgisch bearbeitet und für die Bühne tauglich gemacht. Seinem Sohn Felix, dem letzten Herrn auf Schloss Kochberg, gelang es, den Generalintendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar 1930 für eine Aufführung zu interessieren. Diesmal bearbeitete der Intendant Dr. Franz Ulbrich höchstpersönlich das Stück. Das arg ramponierte kleine Theater wurde für diesen Zweck wieder hergerichtet. Am 9. Juni 1930 wurde das Stück mit der ersten Garde der Weimarer Schauspieler hier am Ort zum ersten Mal aufgeführt. Unter der illustren Gästeschar befanden sich u. a. Fürstin Anna Luise von Schwarzburg und Elisabeth Förster-Nietzsche.
Seit der Wiedereröffnung nach der Restaurierung 1975 findet hier auf Schloss Kochberg wieder ein reges Theaterleben statt. 2005 haben wir als Freundeskreis der Klassik Stiftung den Theaterbetrieb übernommen. Auf der einst von Amateuren eingeweihten Bühne stehen heute renommierte Künstler aus dem In- und Ausland. Von Ostern bis Silvester veranstalten wir an den Wochenenden hochkarätige Theater- und Musiktheateraufführungen, Konzerte und Lesungen. Vorwiegend Werke der Klassik bis Romantik, aber auch des Barock und der Renaissance können hier am authentischen Ort aus der Goethezeit erlebt werden. Besonderes Augenmerk wird auf die historische Aufführungspraxis gelegt. Unser Theater gehört zur Europastraße Historische Theater.
Heute schließt sich der Kreis. Wir bringen „Neues Freiheitssystem oder die Verschwörung gegen die Liebe" im 21. Jahrhundert, aufgeführt vom Transparenten Theater Heusenstamm, die das Stück seit 2000 bereits einige Male hier gespielt haben. Regie führen Eva Zeidler und Hanne Kohlmann.
Neues Freiheitssystem oder die Verschwörung gegen die Liebe
Liebhabertheaterstück von Charlotte von Stein
Transparentes Theater Heusenstamm
mit einer Einführung zum Liebhabertheater um 1800
Gelegentlich griff auch Charlotte von Stein zur Feder, um neben ihrer umfangreichen Korrespondenz eigene kleine Theaterstücke zu Papier zu bringen. Davon zeugt u. a. ihr von Schiller gelobtes Trauerspiel „Dido". Nach Goethes Rückkehr von der eineinhalbjährigen Italienreise und dem erfolgten Bruch der engen Beziehung zwischen ihm und Charlotte von Stein, verarbeitete sie ihren Kummer in diesem Theaterstück.
1798 folgte ein Lustspiel. Charlotte von Stein schreibt dazu am 28. Juni 1798 an ihren Sohn Fritz: „Ich schreibe eine Komödie, denn je älter man wird, je lustiger muss man sich das Leben lassen vorkommen." Die Komödie hat den Titel „Neues Freiheitssystem oder die Verschwörung gegen die Liebe". Mit einer Aufführung dieses Stückes durch ein versiertes Laientheater geben die Freunde auf Schloss Kochberg für ihre Gäste ein Beispiel aus der Zeit der Liebhabertheater um 1800.
Eine Einführung in die Zeit und Kultur der Liebhabertheater und Salons des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts ergänzt die Aufführung.